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Recruiting: Mit Second Life zum ersten Job | hobsons.ch – Ein Angebot von Staufenbiel Institut

IBM Recruiting Center

Hier grüsst der Roboter: Das IBM Recruiting Center in Second Life

Schicken Sie Ihren Avatar auf Jobsuche: Unternehmen wie IBM oder McKinsey locken mit Recruiting-Angeboten in Second Life.

Christian Bartel teleportiert sein virtuelles Ego, den Avatar, direkt ins Recruiting Center von IBM. Er landet in einem weitläufigen Glasgebäude mit Infowänden, Sitzecken und Gummibäumen. Der metallene Roboter am Empfang nickt freundlich und bietet über Schaltflächen seine Dienste an. Bartel ruft Infos zu aktuellen Jobangeboten ab und fragt ein Treffen mit einem IBMler in Second Life an. Ein paar Schritte weiter verfolgt er an einem Bildschirm eine Präsentation zum Thema Einstiegsjobs bei IBM. An der Wand entdeckt er ein Ankündigungsschild: „Meet the Director of HR IBM Germany, .. talk to his Avatar live... July 5th, 6pm German time“.

Schöne neue Jobwelt? Noch sind dreidimensionale Karriereangebote wie das IBM Recruiting Center die Ausnahme. Viele grosse Unternehmen wie BMW, Mercedes, Adidas, Deutsche Post oder Nissan betreiben im Second Life vorrangig Imagepflege und stellen ihre Marken vor. Im Jobcenter von jobs.de sind nur eine Handvoll Jobs für die „Real World“, die echte Welt also, ausgeschrieben. Und was Jobmessen betrifft: Es gab bisher erst ein Event in Second Life. Der amerikanische Dienstleister TMP veranstaltete Mitte Mai ein Karriere-Event mit den fünf Unternehmen ebay, Hewlett-Packard, Microsoft, Sodexho, T-Mobile und Verizon. Für den Bewerber eine magere Ausbeute, wenn man bedenkt, dass er oder sie einen hohen Aufwand betreiben muss: Sich bei Second Life anmelden, eine Avatar anlegen, diesen mit den passenden Kleidern versehen und ihm das Gehen und Fliegen beibringen.

Vom E-Business zum V-Business

„Die Zukunft des Internets ist dreidimensional“, sagt Jens Poppe, Leiter des Projekts „Virtuelles Recruitment“ für IBM Deutschland. „Das E-Business wird sich zum V-Business, dem Virtual Business, weiterentwickeln. Daher ist es für uns logisch, auch Recruiting-Aktivitäten von der zweiten in die dritte Dimension zu überführen.“ Ein IBM-Team in den USA untersucht mit der im Januar 2007 gegründeten Abteilung „Digital Convergence and Virtual Worlds“ Einsatzmöglichkeiten virtueller Welten für Unternehmen.

Die Studie nimmt etwa 30 verschiedene Plattformen, darunter auch Second Life, unter die Lupe. In Deutschland wagte sich Poppe gleich an ein Praxisprojekt. Zusammen mit fünf Werkstudenten der Berufsakademie Stuttgart baute er innerhalb von fünf Wochen ein virtuelles Recruiting Center auf. Seit der Eröffnung im April haben über 2.000 Personen das Center besucht. „Unsere Erwartungen sind voll erfüllt“, so Poppe. „Wir haben viele Anfragen zu konkreten Einstiegs- positionen.“

Für den amerikanischen Catering-Spezialisten Sodexho war die Teilnahme an der dreitägigen virtuellen TMP-Jobmesse ein Erfolg: Rund 100 Bewerber besuchten das Messegebäude des Unternehmens. 14 Kandidaten schafften es in die nächste Runde des Bewerbungsverfahrens – diesmal im echten Leben. „Mit dieser Zahl wären wir bei jeder Jobmesse zufrieden“, meint Arie Ball, Personalverantwortliche bei Sodexho.

Virtueller Hebel fürs Recruiting

Ein White Paper der Internet-Agentur Elephant Seven stellt Erfolgsstrategien für virtuelles Business vor, die auch beim Recruiting Anwendung finden. Bei der Strategie „Virtueller Hebel“ nutzt das Unternehmen Second Life als Köder, um die Zielgruppe im echten Leben zu erreichen. Die gewünschte Assoziation ist „virtuelle Welt = modern, innovativ, trendig“. Beispiel IBM: „Wir wollen der studentischen Zielguppe zeigen, dass IT-Projekte nicht langweilig sein müssen, sondern zukunftsweisend, innovativ und mit einem Spassfaktor“, so Poppe. Der Messeveranstalter TMP sieht seine virtuelle Jobmesse „bestens geeignet, für Unternehmen, die für Innovation bekannt sein wollen“, sagt Louis Vong, Mitarbeiterin im Bereich Interactive Stategy bei TMP Worldwide.

Dreidimensionale Communities

Sodexho Empfang

T-Shirt statt Anzug: Am Messestand von Sodexho. Mehr Bilder von der TMP-Jobmesse bei Flickr

Das Modell „3-D-Communities“ setzt darauf, eine Interessensgruppe im Second Life aufzubauen. Ziel ist es, ein Netzwerk von Avataren zu etablieren und diese an ein Unternehmen oder eine Marke zu binden. Im IBM Recruiting Center können sich Studenten für den Career Club Germany anmelden. Mitglieder bekommen eine Liste aller anderen Teilnehmer. Interessierte können sich so in der virtuellen Welt zum Erfahrungsaustausch treffen.

Typisch für die Gemeinschaften ist ein intensives Event-Programm, mit dem die Interessenten an das Unternehmen gebunden werden sollen. Bei IBM ist die virtuelle Gesprächsrunde mit dem Chef der HR-Abteilung nur der Anfang. „Künftig wollen wir ein bis zweimal im Monat einen Event anbieten“, sagt Poppe.

Die Unternehmensberatung McKinsey & Company versucht, über einen Business-Plan-Wettbewerb im Second Life ein internationales Netzwerk viel versprechender Talente aufzubauen. Studenten und Young Professionals sollen zukunftsfähige Geschäftsideen für Second Life entwickeln und umsetzen. Den besten Teams winkt ein Preisgeld von insgesamt 20.000 Dollar. „Etablierte Planspiele sind meist regional beschränkt und finden auf dem Papier statt. Die Virtual Venture Competition wendet sich an internationale Teilnehmer, die ihre Ideen direkt auf dem Markt testen wollen," erklärt Christoph Glatzel, McKinsey-Partner und verantwortlich für den Wettbewerb.

Kein Gefühl für den Bewerber

Andere Unternehmen sehen derzeit keinen Anlass, in Second Life auf Personalsuche zu gehen. „Die Ansprache im Second Life allein wäre für uns nicht gezielt genug“, sagt Michael Peterson, Internetexperte und Mitglied der Geschäftsführung beim Beratungsunternehmen Booz Allen Hamilton. Die Wunschkandidaten – Absolventen und Young Professionals mit guten Noten und Beraterprofil – erreiche man über andere Wege besser. Zudem bleibe in der 3-D-Welt das Gefühl für den Bewerber auf der Strecke: „Faktoren wie Sozialkompetenz, reale Interaktion und die Persönlichkeit des Bewerbers können wir nicht ausreichend abfragen.“

Stolpersteine auf dem Weg zum Job

Unternehmen stehen derzeit noch vor anderen Problemen, wenn es um Recruiting-Projekte in Second Life geht. Etwa beim Thema Glaubwürdigkeit: Ob Leander Deakon oder Jolie Beaumont – Avatare haben eine Phantasieidentität. Beste Voraussetzungen, bei der virtuellen Jobsuche zu flunkern. Der Messeveranstalter TMP zwang aus diesem Grund alle Kandidaten, im Vorfeld der Jobmesse den echten Lebenslauf auf der TMP-Website hochzuladen.

Weitere Probleme: Second Life ist unzuverlässig, pünktliche Bewerbungsgespräche werden zum Risikospiel. Treffen mit mehr als 60 Leuten an einem Ort sind derzeit technisch nicht möglich, was das Aus für grössere Recruiting-Events bedeutet. Ob eine ausreichende Zahl an Bewerbern sich überhaupt für Second Life interessiert, bleibt fraglich: Der Internet-Studie „WWW-Benutzer-Analyse W3B“ statten 70 Prozent aller deutschen Nutzer Second Life nur einen einzigen Besuch ab und lassen sich dann nicht mehr blicken.

Christian Bartel verlässt das IBM Recruiting Center unfreiwillig. Second Life stürzt ab. Den Termin für die Gesprächsrunde mit dem Chef der HR-Abteilung hat er sich zum Glück notiert – handschriftlich auf seinem Notizblock.

Datum: 6/2007

Autorin: Sandra Schüssel